Katholische Kindertageseinrichtungen Hochsauerland-Waldeck gGmbh
Kath. Familienzentrum St. Nicolai Lippstadt
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Sexualpädagogisches Konzept

 

1. Einleitende Worte

Ein wertschätzender Blick auf die Einzigartigkeit eines jeden Kindes ermöglicht eine lebendige und angstfrei Sexualerziehung im Kindergartenalltag. Die sexuelle Entwicklung beginnt bereits vor der Geburt. Grundsätzlich unterscheiden wir zwischen kindlicher- und erwachsener Sexualität. In diesem Zusammenhang bedeutet Sexualerziehung nicht nur "Aufklärung", sondern sie vermittelt Wissen über das Akzeptieren des eigenen Körpers, Partnerschaft, Rücksichtnahme, Zärtlichkeit, Selbstvertrauen und gleichberechtigter Umgang zwischen Mädchen und Jungen und Kindern, bei denen sowohl physisch als auch psychisch noch keine geschlechtsspezifische Rolle festgelegt ist.

 

2. Grundsätzliches

Unsere Kita soll für alle Kinder ein Haus sein, in dem sie sich heimisch fühlen. Deswegen haben die Kinder die Möglichkeit, sich im Haus frei zu bewegen und die Räume mit ihren Angeboten individuell und auch ohne Erwachsene zu nutzen, Jüngere oder unsichere Kinder werden begleitet und unterstützt, sich die Welt der Kita zu erobern. Kinder sind von Anfang an (vorgeburtlich) auch sexuelle Individuen. Für die Entwicklung der Geschlechtsidentität ist es wichtig, dass Mädchen und Jungen in ihrem Rollenverhalten individuell wahrgenommen und respektiert werden. In altersangemessener Form wird über Geschlechtermerkmale und Rollenverständnis gesprochen. Die Kinder werden angeregt, sich mit der Geschlechterrolle auseinanderzusetzen uns sie ggf. zu hinterfragen. Kindliche Sexualität bedeutet seine Gefühle, sowie die der Anderen wahrzunehmen und auszudrücken. Durch die heutigen Medien kommen die Kinder schon lange vor der Pubertät mit dem Thema "Sexualität" in Berührung. Wichtig ist es, daraus kein Tabuthema zu machen und auf die Fragen der Kinder einzugehen.

Wir möchten:

  • dass Kinder die eigene Sexualität als einen positiven Lebensbereich bejahen
  • die Kinder in der Wahrnehmung ihrer Gefühle fördern
  • die Kinder sensibilisieren, die eigenen Gefühle und die Gefühle anderer Menschen zu erkennen und darauf angemessen zu reagieren (Partnerschaft, Zärtlichkeit, Rücksichtnahme, "Nein" sagen können)
  • dass die Kinder ihren eigenen Körper wahrnehmen und akzeptieren
  • dass die Kinder eventuelle Ängste, Hemmungen ablegen und Sicherheit erfahren
  • die Kinder im Finden und Erkennen der eigenen Identität unterstützen
  • dass die Kinder den gleichberechtigten Umgang zwischen Mädchen und Jungen erleben und akzeptieren
  • das Selbstwertgefühl von Mädchen und Jungen spielerisch stärken
  • den Kindern Wissen über Sexualität vermitteln

 

3. Was ist kindliche Sexualität

"Das ICH ist vor allem ein Körperliches." Dieser Satz Sigmund Freuds verweist auf die Bedeutung des Körpers für die Identitätsentwicklung. Kinder fühlen zunächst körperlich, ihre ersten Welterfahrungen beginnen mit dem Körper. Sie nehmen Gegenstände in den Mund, zum erforschen und zur Befriedigung von Lust. Voller Neugier und Tatendrang begreifen sie damit die Welt und sich selbst. Diesem ganzheitlichen Körpererleben von Kindern steht häufig eine ambivalente Haltung von Erwachsenen gegenüber, insbesondere wenn es um das lustvolle Entdecken des eigene Körpers geht. Das Nachspüren von Körperberührungen und Erfahrungen wird dadurch möglicherweise unterbunden und ein positiver Bezug zum eigenen Körper verhindert. Ganzheitliche Sexualerziehung ist darauf ausgerichtet, einem Kind ein lustvolles, verantwortungsvolles und selbst bestimmtes Leben zu ermöglichen. Hierbei spielen verschiedene Bereiche eine wichtige Rolle.

Es ist gut, ein Kind dabei zu unterstützen:

  • sich seiner Gefühle, Wünsche und Ängste bewusst zu sein (Selbstbewusstsein zu entwickeln)
  • seinen Körper kennen zu lernen und zu mögen (Körpergefühl entwickeln)
  • eine Fähigkeit zum zärtlichen Umgang mit anderen Menschen zu entwickeln (Liebes- und Beziehungsfähigkeit)
  • die Grenzen anderer Menschen zu respektieren und eigene Bedürfnisse zu stellen (Verantwortungsgefühl und Einfühlungsvermögen)
  • und darin zu bestärken, sich so anzunehmen wie es ist und zu ermutigen, seien Bedürfnisse auszudrücken (Selbstwertgefühl)

Die kindliche Sexualität unterscheidet sich grundlegend von der Sexualität der Erwachsenen.

Kindliche Sexualität ist:

  • spielerisch, spontan
  • nicht auf zukünftige Handlungen ausgerichtet
  • erleben des Körpers mit allen Sinnen
  • egozentrisch
  • Wunsch nach Nähe und Geborgenheit
  • Unbefangenheit
  • sexuelle Handlungen werden nicht bewusst als Sexualität wahrgenommen

Erwachsene Sexualität ist:

  • absichtsvoll und zielgerichtet
  • auf Entspannung und Befriedigung hin orientiert
  • eher auf genitale Sexualität ausgerichtet 
  • beziehungsorientiert
  • Verlangen nach Erregung und Befriedigung
  • bewusster Bezug zu Sexualität

 

Das Bild vom Kind in der geschichtlichen Entwicklung:

Antike (römisches Reich)                   =das Kind wird als Eigentum des Vaters gesehen

Mittelalter (christlicher Kulturkreis)     =das Kind wird als Geschenk Gottes gesehen

Moderne (Aufklärung)                        =das Kind wird als Objekt von Bildung und Erziehung gesehen

Postmoderne (Individualisierung)        =das Kind wird als Rechts-Subjekt gesehen

 

Definition kindlicher Sexualität

Sexualität bezieht such auf einen zentralen Aspekt des Menschseins über die gesamte Lebensspanne hinweg, der das biologische Geschlecht, die Geschlechtsidentität, die Geschlechtsrolle, sexuelle Orientierung, Lust, Erotik, Intimität und Fortpflanzung einschließt. Sie wird erfahren und drückt sich aus in Gedanken, Phantasien, Wünschen, Überzeugungen, Einstellungen, Werten, Verhaltensmustern, Praktiken, Rollen und Beziehung. Während Sexualität all diese Aspekte beinhaltet, werden nicht alle ihre Dimensionen jederzeit erfahren oder ausgedrückt. Sexualität wird beeinflusst durch das Zusammenwirken biologischer, psychologischer, sozialer, wirtschaftlicher, politischer, ethischer, rechtlicher, religiöser und spiritueller Faktoren. (WHO 2011)

 

Definition unterschiedlicher Geschlechtertypen

Intersexualität bedeutet, dass Kinder nicht mit eindeutigen körperlichen Geschlechtsmerkmalen geboren werden (Genitalien, Chromosomen oder das Mengenverhältnis der Hormone)

Heterosexualität bedeutet, dass Mädchen und Jungen sich von Angehörigen des anderen Geschlechts Angezogen fühlen. Die Orientierung äußert sich in der Regel nicht vor Abschluss der körperlichen Geschlechtsentwicklung.

Homosexualität bedeutet, dass Mädchen und Jungen sich von Angehörigen desselben Geschlechts angezogen fühlen und gleichgeschlechtliche Sexualpartner bevorzugt werden. Eine stabile homosexuelle Orientierung äußert sich in der Regel nicht vor Abschluss der körperlichen Geschlechtsentwicklung.

Transsexualität bedeutet, dass ein Mensch körperlich eindeutig einem Geschlecht zuzuordnen ist, sich jedoch als Angehöriger des anderen Geschlechts empfindet und daher das Bestreben entwickelt, als solcher wahrgenommen zu werden.

 

Die Entwicklung der körperlichen Geschlechtsmerkmale

  • Zeugung = Verschmelzung von Ei und Samenzelle
  • Genetische Geschlechtsfestlegung = chromosomales Geschlecht
  • die Embrionalperiode = 1.-2. Monat
  • Entwicklung der Keimdrüsen = Gonaden
  • Fetalperiode = 3.-9. Monat
  • Ausbildung der primären Geschlechtsmerkmale = Eierstöcke, Eileiter, Gebärmutter, Vagina bzw. Penis, Hoden und Samenwege
  • Vor-Pubertät = -14 Jahre
  • Entwicklung der sekundären Geschlechtsmerkmale = Brüste, Schambehaarung (Mädchen), Bartwuchs, Schambehaarung (Jungen)
  • Geschlechtsreife = Erstmenstruation & Empfängnisfähigkeit, Erstejakulation & Zeugungsfähigkeit
  • Adoleszenz = Endphase des Jugendalters
  • Entwicklung der tertiären Geschlechtsmerkmale = u.a. Körpergröße & Beckenform

 

Die psychosexuelle Entwicklung

Alle Kinder durchlaufen dieselben Entwicklungsphasen. Zugleich ist jedes Kind anders und will mit seinen Eigenarten und seinem Entwicklungstempo akzeptiert und wertgeschätzt werden. Dies gilt auch für die psychosexuelle Entwicklung. Auch hier sind die normalen Unterschiede zwischen den Kindern (interindividuelle Variabilität) groß, sogar bei Kindern aus derselben Familie. Manche Kinder suche häufig Körperkontakt, sie schmusen viel und benötigen in belastenden Situationen intensive Nähe von Bezugspersonen. Andere könne sich früh selbst beruhigen, sie wirken distanziert und erreichen schnell einen beträchtlichen Grad an Autonomie. Zur interindividuellen kommt die intraindividuelle Variabilität. Damit ist gemeint, dass sich die verschiedenen Entwicklungsbereiche bei ein und demselben Kind mit unterschiedlicher Geschwindigkeit entwickeln. So kann ein Kind z.B. körperlich schon weit entwickelt sein, während es emotional wie hinterherhinkt. Die psychosexuelle Entwicklung von Kindern professionell zu begleiten bedeutet für uns, jedes Kin d in seiner gesamten Persönlichkeit wahrzunehmen.

 

4. Ausdrucksformen kindlicher Sexualität

Angeregt durch die kindliche Neugierde entdeckt das Kind seinen eigenen Körper. Basierend auf Bindungserfahrungen mit und durch die Bezugspersonen entwickelt das Kind sein URVERTRAUEN. Streicheln, schmusen und Liebkosungen sind die Grundlage für eine gesunde physische und psychische Entwicklung. Dabei macht es positive Erfahrungen mit allen Sinnen und entwickelt seine eigene Identität. Es interessiert sich für seine Körperausscheidungen. Das bewusste Festhalten und Loslassen seiner Körpereigenen "Produkte" ist für Kinder eine lustvolle Erfahrung. Sie entwickeln ein Gefühl für ihren Intimitätsbereich und die Privatsphäre anderer Menschen (Schamgefühl). Sie lernen "was erlaubt ist" und "was nicht" und kennen ihre Grenzen (soziale Regeln und Normen). Im Alter von 2-3 Jahren reichtet sich die Neugierde und das entdeckerische Verhalten der Kinder zunehmend auf andere Kinder. Die meisten Mädchen und Jungen spielen im Alter zwischen ca. 3-6 Jahren sogenannte Körpererkundungsspiele - manche häufiger und offen, andere seltener und eher versteckt. Ab ca. dem 4. Lebensjahr nehmen die Spiele meist den Charakter von Rollenspielen an, z.B. Arztspiele, Vater-Mutter-Kind Spiele. Hier wird deutlich, dass Kinder klare Vorstellungen von Geschlechterrollen haben. Ab dem 5. Lebensjahr nehmen Kinder wahr, dass Sexualität ein emotional aufgeladenes Thema ist, über das nicht gerne gesprochen wird und vielen Menschen peinlich ist. Sie beobachten Jugendliche und Erwachsene in ihrem sexuellen Verhalten.

Kindliche Sexualität zeigt sich im Kindergarten-Alltag in unterschiedlichsten Facetten: direkt oder indirekt, ängstlich oder offen, irritierend oder klar, fragend oder provozierend.

Konkret zeigt sich dies in folgenden Verhaltensweisen

Kinderfreundschaften

Kinder gehen im Laufe ihrer Kindergartenzeit vielfältig Freundschaften ein. Es ist wichtig, sich ausprobieren zu können, denn so erleben sie im Kontakt mit Gleichaltrigen, von wem sie gemocht, geliebt oder auch abgelehnt werden. Diese Erfahrungen ermöglichen es Ihnen, einen partnerschaftlichen Umgang miteinander zu erlernen. Hier deutet sich der Beziehungsaspekt von Sexualität an.

Frühkindliche Selbstbefriedigung

Durch Selbstbefriedigung entdecken Kinder ihren Körper. Sie fühlen sich ihrem Körper sehr nah und verspüren lustvolle Gefühle. Das Zulassen frühkindlicher Selbstbefriedigung ist für den Aufbau der Ich-Identität von Bedeutung und weist auf den Identitätsaspekt von Sexualität hin.

Sexuelle Rollenspiele

Rollenspiele mit sexuellem Inhalt sind ein wichtiges Übungsfeld für Kinder im KOntakt mit Gleichaltrigen. Doktorspiele, Vater-Mutter-Kind-Spiele oder andere sexuelle Rollenspiele ermöglichen zum einen, gemeinsam auf Körperentdeckungsreise zu gehen, und zum anderen, aktiv mediale Einflüsse zu verarbeiten und spielerisch umzusetzen. Zudem fördert das "Sich-Ausprobieren-Dürfen" in unterschiedlichen Rollen das Selbstständig werden.

Körperscham

Kinder zeigen Schamgefühl gegenüber Nacktheit oder körperliche Nähe durch Erröten oder Blickabwendung. Gefühle der Scham sind eine positive Reaktionsmöglichkeit, um die eigenen Intimgrenzen zu spüren. Sie verdeutlichen das Bedürfnis nach Schutz und Abgrenzung. Jedoch weisen sie auch auf Aspekte von Unsicherheit, Angst vor Heeransetzung und Versagen hin. Die Auseinandersetzung mit Körperscham ist ein wichtiger Prozess der sexuellen Identitätsfindung. Denn die Fähigkeit, mit Schamgefühlen umgehen zu können, weist auf den Zugang zur eigenen Körperlichkeit hin.

Fragen zur Sexualität

Die psychosexuelle Entwicklung ist von kognitiven Reifungsprozessen nicht zu trennen. Kinder benötigen Wissen, um sprechfähiger zu werden im Umgang mit Begrifflichkeiten und für sie wichtigen sexuellen Themen, sowie zur Verbalisierung sexueller Bedürfnisse. Umfassendes Wissen schützt eher vor sexuellen Übergriffen, da informierte Kinder bestimmte Situationen besser einordnen und angemessener reagieren können.

Sexuelles Vokabular

Kindergartenkinder haben heute schon relativ früh sexuelle Sprüche  "drauf", äußern diese oftmals mit viel Spaß und benutzen auch manche derben Begriffe. Oft kennen sie die Bedeutung gar nicht, sondern probieren aus, wie andere darauf reagieren. Manchmal wollen sie auch nur provozieren.

 

5. Umgang mit kindlicher Sexualität im Kindergarten

Erzieherinnen sind der Schlüssel für eine sexualfreundlichen Erziehung in einer Kindertageseinrichtung. Gerade im Kindergarten findet ein wesentlicher Teil kindlicher Sozialisation statt. Wir begleiten Kinder in einer entscheidenden Alters- und Entwicklungsphase, in der auch erhebliche Chancen der Gesundheitsförderung liegen. Hier kommt den Erzieherinnen eine Schlüsselrolle zu: Sexualerziehung - verstanden als umfassende und ganzheitliche Förderung und Begleitung - ist integraler Bestandteil von Gesundheitsförderung und Persönlichkeitserziehung. Sie fördert das kindliche Selbstvertrauen, ein positives Körpergefühl, unterstützt den Aufbau einer bejahenden Geschlechtsidentität und die Liebesfähigkeit der Kinder. Wichtig ist es, die Lebenswirklichkeit der Kinder in den Mittelpunkt zu stellen. Ausgehend von den Bedürfnissen, Interessen und Wünschen der Kinder werden situative Anlässe für Spiel- und Lernprozesse aufgegriffen. Durch Sensibilität, Einfühlungsvermögen und genaues Beobachten nimmt jede einzelne Fachkraft wahr, womit sich die Kinder gerade beschäftigen.

Umsetzung im Kindergarten:

  • Wir sind sensibel für Fragen der Kinder und hören zu
  • Wir achten darauf, dass das persönliche Schamgefühl eines Jeden respektiert wird
  • Mit unserer Raumgestaltung schaffen wir den Kindern Bereiche ungestört spielen zu können
  • Wir bieten ein geborgenes Umfeld z.B. durch Decken, Nischen, Kuscheldecken...
  • Den Kindern stehen viele Materialien zur Verfügung, wie z.B. Verkleidungskiste, Massagebälle, Sinnesmaterial
  • Wir stellen den Kindern ausgewählte Bild- und Buchmaterialien zur Verfügung
  • Durch Angebote mit Materialien wir Kleber, Kleister, Matsch, Sand usw. machen die Kinderwichtige Körpererfahrungen
  • Weitere Möglichkeiten didaktischer Umsetzung der Sexualerziehung werden im Kindergartenalltag eingesetzt: Geschichten, Lieder, Sinnesspiele, Malen, Erzählen usw.

 

6. Umgang mit geschlechtsspezifischen Begrifflichkeiten

 

 

7. Unsere Bildung- und Erziehungsziele

Das Kind erwirbt ein differenziertes und vielfältiges Bild von den möglichen Rollen von Männern und Frauen. Dazu gehören:

  • Das andere Geschlecht als gleichwertig und gleichberechtigt anerkennen
  • Unterschiede zum anderen Geschlecht wahrnehmen und wertschätzen
  • Erkennen, dass "weiblich", "männlich" und "divers" keine uniformen Kategorien sind, sondern das "weibliches" und "männliches" und "diverse" in vielfältigen Variationen möglich ist
  • Erkennen, dass eigene Interessen und Vorlieben nicht an die Geschlechtszugehörigkeit gebunden sind
  • Seine eigenen Interessen und Bedürfnisse über die geschlechterbezogenen Erwartungen und Vorgaben Anderer stellen
  • Geschlechterbezogenen Werte, Normen, Traditionen und Ideologen kritisch hinterfragen
  • Andere nicht vorrangig aufgrund ihrer Geschlechterzugehörigkeit beurteilen, sondern in ihrer individuellen Persönlichkeit wahrnehmen
  • Kulturgeprägte andere Vorstellungen über Geschlechteridentitäten erkennen und respektieren und dennoch hinterfragen

 

8. Doktorspiele

Doktorspiele gehören zur normalen Entwicklung von Kindern. Doktorspiele sind Spiele unter gleichaltrigen Kindern bzw. Kindern mit dem gleichen Entwicklungsstand. Sie haben die Erkundung des Körpers, insbesondere der Genitalien, zum Inhalt. Dabei geht die Initiative von allen beteiligten Kindern aus. Das Entdecken und Untersuchen des Körpers steht im Vordergrund, aber auch die Entdeckung des Lustempfindens und dessen Umgang, spielt eine wichtige Rolle. Doktorspiele haben noch nichts mit dem sexuellen Begehren eines Heranwachsenden oder Erwachsenen zu tun, sondern ausschließlich mit kindlicher Neugier. Die Kinder erkunden das andere Geschlecht und versichern sich außerdem, dass sie genauso sind wie andere Kinder des eigenen Geschlechts. Dass dabei schöne Gefühle entstehen können, stärkt ihr Vertrauen in ihre sinnliche Wahrnehmung und in ihr Körpergefühl.

Im Vorschulalter gewinnen Doktorspiele zunehmend an neuer Bedeutung. Es geht nicht mehr nur um das Kennenlernen des Körpers, sondern vermehrt um das Einüben und Experimentieren von männlichen und weiblichen Rollenmustern. Dabei werden Handlungen von Erwachsenen, wie Vater und Mutter nachgeahmt, z.B. die Geburt eines Kindes. Desweitern entstehen die ersten innigen Freundschaften, in denen unter anderem der körperliche Kontakt (sich streicheln, umarmen, küssen etc.) eine wichtige Rolle spielt, da nun die Kinder in der Lage sind, tiefe Gefühle und Empfindungen für Andere auszudrücken. 

Im Grundschulalter werden Kinder in ihren sexuellen Aktivitäten wieder zurückhaltender, da das Schamgefühl Oberhand gewinnt. Sie grenzen sich nun immer mehr von den Eltern ab und werden selbständiger. Körperliche Nähe und Zärtlichkeiten von den Eltern weisen die Kinder nun immer öfter zurück. Mädchen fühlen sich in Gesellschaft weniger Freundinnen wohl, Jungen bevorzugen dagegen größere Cliquen. Nun wird es für Jungen und Mädchen aufregend sich gegenseitig zu necken und zu provozieren. Zwar nennen sie ihr Gegenüber vom anderen Geschlecht "doof", finden es aber anziehend und interessant. Die Pubertät steht bevor.

Folgende Regeln sind uns dabei wichtig:

  • Bei jedem "Tun" bleibt die Unterhose an (auch im Sommer beim Baden!)
  • Jedes Mädchen/Junge bestimmt selbst, mit wem sie/er Doktor spielen will
  • Mädchen und Jungen "untersuchen" einander nur so viel, wie es für sie selbst und die anderen
  • Kinder schön ist. 
  • Kein Mädchen/kein Junge tut einem anderen Kind weh
  • Hilfe holen ist kein Petzen!
  • Ein "NEIN" muss respektiert werden
  • Niemand steckt einem andern Kind etwas in den Po, Scheide, Nase oder Ohr
  • Größere Kinder, Jugendliche und Erwachsene haben bei Doktorspielen nichts zu suchen 

 

9. Grenzverletzungen und Übergriffe

Grenzverletzungen sind alle Verhaltensweisen gegenüber Kindern, die deren Grenzen im Kontakt eines Betreuungsverhältnisses überschreiten Verübt werden Grenzverletzungen sowohl von erwachsenen Frauen, Männern und Jugendlichen, als auch von gleichaltrigen oder älteren Kindern.

Man unterscheidet dabei:

  • Grenzverletzungen, die unabsichtlich verübt werden und/oder aus fachlichen bzw. persönlichen Unzulänglichkeiten oder einer §Kultur der Grenzverletzung" resultieren
  • Übergriffe, die Ausdruck eines unzureichenden Respekts gegenüber Mädchen und Jungen, grundlegender fachlicher Mängel und/oder einer gezielten Desensibilisierung im Rahmen der Vorbereitung eines sexuellen Missbrauchs/eines Machtmissbrauchs sind

Damit einer Grenzverletzung vorgebeugt werden kann, ist es wichtig, die sexualpädagogische Praxis bereits im Kindergarten den Kindern näher zu bringen. Dabei soll das Recht auf Selbstbestimmung über den eigenen Körper, das Recht auf Respekt vor der Intimsphäre und Schamgrenzen, das Wissen um die Unterschiede von Kinder- und Erwachsenensexualität und das Recht auf Schutz vor sexuellen Übergriffen integriert werden.

10. Zusammenarbeit mit den Eltern im sexualpädagogischen Kontext

Eltern bekommen Unterstützung und Begleitung bei Fragen zur Sexualität ihrer Kinder. Dadurch bekommen Sie nicht nur mehr Klarheit und Sicherheit im Umgang mit kindlicher Sexualität, sondern werden befähigt, mit Ihren Kindern über Sexualität zu sprechen, deren sexuelle Entfaltung zu ermöglichen und gleichzeitig Grenzen im Umgang miteinander zu achten. 
Eine ständige Kommunikation zwischen den unterschiedlichen Erziehungsstilen, Werten, Einstellungen und Sichtweisen - bezogen auf die Sexualität der Kinder, muss aufrecht erhalten werden.

  • Unterschiedliche Erziehungsstile, Werte, Einstellungen und Sichtweisen werden anerkannt.
  • Das sexualpädagogische Konzept und das Schutzkonzept werden den Eltern vorgestellt und zugänglich gemacht.
  • Unterstützung, Begleitung und Information der Eltern findet durch Elterngespräche, Themen-Elternabende und ausleihbare Fachliteratur statt.
  • Die psychosexuelle Entwicklung der Kinder wird in die Entwicklungsgespräche einbezogen.
  • Gespräche mit einzelnen Eltern aus gegebenem Anlass finden statt.

11. Die Rolle des pädagogischen Personals im sexualpädagogischen Kontext

Grundvoraussetzung für kindergerechte Sexualerziehung, sexuelle Bildung und Schutz vor sexualisierter Gewalt in der Kita sind die handlungsfähigen und kompetenten Fachkräfte, die Teamarbeit und die Entwicklung einer entsprechenden Konzeption.

Die Konzeption beschreibt den Handlungsrahmen des pädagogischen Teams und schafft Transparenz für den Träger und die Eltern. Die Umsetzung des sexualpädagogischen Konzepts setzt die tragfähige Beziehung zwischen pädagogischer Fachkraft und Kind voraus. Wie bei allen Bildungsprozessen gilt auch hier der Grundsatz:

Bindung vor Bildung!

Die Beziehungssicherheit bildet die Basis für kindlichen Entdeckungsreisen.

Ebenso ist die offene und behutsame Zusammenarbeit mit den Eltern unerlässlich für eine gute Arbeitsatmosphäre und die Transparenz der Arbeit.

Die handlungsfähige und kompetente pädagogische Fachkraft im sexualpädagogischen Kontext

  • setzt sich mit der eigenen Sexualität und dem sexuellen Selbstkontext auseinander,
  • nimmt im Umgang mit den Kindern eine selbstreflexive Haltung ein,
  • kennt die eigenen Unsicherheiten und Stärken für einen authentischen Umgang mit dem kindern,
  • nimmt mit Einfühlungsvermögen und Sensibilität die Kinder so an, wie sie sind,
  • besitzt sexualpädagogische Sprachfähigkeit, Handlungsalternativen und didaktischen Kreativität,
  • ist durch einen klaren sexualpädagogischen Standpunkt unabhängig vom Urteil anderer,
  • ist Vorbild für eine produktive Weise der Auseinandersetzung (z.B. mit Eltern über unterschiedliche Sichtweisen reflektieren und diskutieren),
  • kann durch Beobachtung das kindliche Verhalten einschätzen und ihr pädagogisches Handeln darauf abstimmen (pädagogische Selbstwirksamkeit).

Die Weiterbildung der pädagogischen Fachkräfte wird sichergestellt durch

  • Fortbildungen, Vorträge, Kontakt zu Experten und Expertinnen (Fachberatung), pädagogischen Austausch im Team, kollegiale Beratung, Fachliteratur

Im pädagogischen Team

  • findet die Auseinandersetzung über den Umgang mit kindlicher Sexualität statt,
  • können individuelle Barrieren und Hemmungen angesprochen werden,
  • findet eine Auseinandersetzung über Sexualität und gesellschaftliche Werte und Normen statt,
  • findet der Austausch über Erfahrungen aus dem Alltag und über die pädagogische Praxis statt,
  • wird eine gemeinsame Haltung diskutiert und ein sexualpädagogisches Handlungskonzept zur Entlastung, Sicherheit, Solidarität und Transparenz erarbeitet,
  • findet die Überprüfung subjektiver Beobachtungen statt.

12. Sexualpädagogik im Familienzentrum St. Nicolai

Eine sexualpädagogische Haltung ist notwendig, denn auch durch "Nichtreagieren" üben wir Einfluss aus!
Wie bei allen Bildungsprozessen stellen wir auch bei der sexuellen Bildung die Lebenswirklichkeit der Kinder in den Mittelpunkt. Wir schaffen situative Anlässe für Spiel- und Lernprozesse, in denen die Kinder - ausgehend von ihren Bedürfnissen, Interessen und Wünschen - ihre Entwicklung aktiv gestalten. Dabei begleiten wir die Kinder auf dem Weg zu sexueller Selbstbestimmung und zum verantwortlichen Umgang mit sich selbst und anderen.

Freundschaft

  • Wir unterstützen die Kinder darin, Freundschaften zu schließen und sich in der Beziehung zu anderen Kindern auszuprobieren. Dabei können die Kinder sich selbst durch den Kontakt zu anderen erfahren.
  • Wir entwickeln mit den Kindern Regeln zum respektvollen Umgang miteinander, mit dem eigenen Körper und dem Körper anderer.

Sinneswahrnehmung

  • Wir ermöglichen den Kindern ganzheitliche Sinneserfahrungen durch vielfältige Angebote (Kräutergarten, Experimente, Sport und Spiel, ...) mit verschiedenen Materialien (Sand, Knete, Kleister,...).

Körpererfahrung und Körperneugier

  • Wir schaffen durch entsprechende Raumgestaltung Rückzugsmöglichkeiten, damit die Kinder ihren altersgemäßen sexuellen Bedürfnissen und Körpererkundungen nachgehen können
  • Wir schaffen eine geeignete Lernumgebung für sexuelle Rollenspiele (z.B. Rollenspielraum oder Hochebene) wie Geburt, Vater-Mutter-Kind...
  • Wir stellen Materialien zur Verfügung, die unter dem Aspekt der Sexualerziehung förderlich sind (Verkleidungsutensilien, Arztkoffer, Spiegel, Sinnesmaterialien...)

Körperwissen/Sprache

  • Die Sprache bei uns ist wertschätzend, reflektiert und diskriminierungsfrei
  • Wir verwenden keine Verniedlichungen
  • Die Begriffe der Kinder werden geduldet, sofern diese frei von Diskriminierung verwendet werden. Allerdings verwenden und fördern wir diese nicht
  • Abwertende, diskriminierende oder sexistische Ausdrücke werden bei uns nicht toleriert

Aufklärung

  • Wir stellen den Kindern ausgewähltes Bild- und Buchmaterial zur Verfügung
  • bei Bedarf finden zusätzliche thematische Angebote statt

Geschlechtsidentität und Geschlechterrolle

  • Geschlechtsbewusste Erziehung bietet jedem Mädchen und jedem Jungen die gleichen Chancen, ihre/seine Geschlechtsidentität zu entwickeln, ohne durch stereotype Sichtweisen und  geschlechtsspezifischen Zuschreibungen in ihren/seinen Erfahrungs- und Entfaltungsmöglichkeiten eingeschränkt zu werden
  • Bestehende Unterschiede werden wertgeschätzt
  • Geschlechtsbezogene Differenzen werden beachtet und berücksichtigt
  • die Kinder kennen Geschlechtsunterschiede und können diese benennen
  • Verhalten entgegen zugewiesener Geschlechtskategorien wird akzeptiert und es wird nicht korrigierend eingegriffen

 

13. Kinder im sexualpädagogischen Kontext schützen

"Kinder, die geschützt sind, können ungezwungen ihren Körper entdecken und Antworten auf ihre Fragen zum Körper und zur Sexualität bekommen."

Zum Schutz vor sexuellen Grenzverletzungen gelten bei uns folgende Regeln:

Für ein gleichberechtigtes Miteinander der Kinder

  • dürfen Kinder anderer Kinder nicht zu einem Spiel überreden, zwingen oder erpressen
  • dürfen Kinder nicht gegenseitig ihre Körper erkunden, wenn der Altersunterschied/Entwicklungsstand zwischen den Kindern zu groß ist oder ein Machtgefälle besteht
  • darf kein Kind sich selbst oder andere verletzen
  • dürfen keine Gegenstände in Körperöffnungen eingeführt werden
  • dürfen die Grenzen anderer Kinder und der Erwachsenen nicht verletzen

Um die Privatheit der Sexualität zu gewährleisten

  • dürfen die Kinder miteinander zur Toilette gehen, aber sich auch ausdrücklich einen ungestörten Toilettenbesuch ausbitten
  • dürfen Kinder sich voreinander ausziehen, aber der Rückzug beim Umziehen ist genauso selbstverständlich und wird nicht kritisiert
  • schaffen wir den Kindern durch die Raumgestaltung Möglichkeiten ungestört zu spielen
  • bieten wir ein geborgenes Umfeld (Kuschelecken, Decken, Nischen,...)
  • achten die pädagogischen Fachkräfte darauf, dass das persönliche Schamgefühl der Kinder respektiert wird
  • suchen sich die Kinder in Wickel- und Pflegesituationen die Pflegeperson selbst aus

Die sexuellen Aktivitäten entsprechen dem Entwicklungsstand der Kinder, deshalb werden wir hellhörig und greifen ein,

  • wenn in irgendeiner Form Gewalt mit im Spiel ist (verbal oder körperlich)
  • wenn Kinder eine stark sexistische Sprache benutzen
  • wenn das Interesse an Körpererkundungen bei einem Kind über einen längeren Zeitraum größer ist als an anderen altersgerechten Spielen
  • wenn ein Kind sexuelle Aktivitäten zeigt, die nicht altersgemäß sind,

indem wir mit den betreffenden Kindern sprechen, pädagogische Maßnahmen zum Schutz der Kinder ergreifen und die betreffenden Eltern informieren.

 

14. Kinder im sexualpädagogischen Kontext stärken

Zur Prävention von Grenzverletzungen und sexuellen Übergriffen stärken wir die Kinder bei der Entwicklung eines positiven Körperbildes.

Die Haltung der pädagogischen Fachkraft zeigt sich durch:

  • eine vertrauensvolle und beständige Beziehung zum Kind
  • eine geregelten Tagesablauf und ein strukturiertes Umfeld
  • eine positive Fehlerkultur dem Kind, sich selbst und dem Team gegenüber
  • eine Orientierung an den Ressourcen des Kindes
  • einen wertschätzenden und toleranten Umgang mit dem Kind und allen am Erziehungsprozess Beteiligten
  • einen authentischen und kongruenten Umgang mit den eigenen Gefühlen

Das positive Selbstbild des Kindes wird im Alltag gestärkt:

  • durch das Recht auf Hilfe und Unterstützung
  • durch das Recht auf körperliche Selbstbestimmung
  • durch die klare Kommunikation von persönlichen Grenzen und das Recht "nein" zu sagen
  • indem es seine Gefühle kennt, sie benennen und in einem gesellschaftlich akzeptierten Rahmen ausleben darf
  • durch die klare Abgrenzung von guten zu schlechten Geheimnissen und den Umgang mit ihnen
  • durch vielfältige und gezielte Angebote zum Erleben des eigenen Körpers
  • durch entwicklungsgemäße Übernahme von Verantwortung sich selbst und anderen gegenüber
  • indem die päd. Fachkraft eine realistische Selbstwahrnehmung fördert
  • durch eine Vielfalt an Rollenvorbildern, Kulturen, Religionen und Lebenskonzepten und die daraus resultierende Möglichkeit der Identitätsbildung

Die Resilienz des Kindes wird durch folgende Rahmenbedingungen und Methoden zusätzlich gestärkt:

  • durch eine vorbereitete, einladende und fordernde Umgebung
  • durch thematische Elternabende und Kurse
  • durch gelebte Bildungs- und Erziehungspartnerschaften
  • durch themenorientierte Projekte, Angebote und weitere Möglichkeiten der didaktischen Umsetzung (Kinderschutz-Box, Lieder, Gefühlsbarometer,...)